Rudi Gosdschan

 

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Das Demenzklinikhotel

 

Modellprojekt für eine kurz-, mittel- und langfristige Optimierung der Pflege und Therapie von Demenzkranken und deren pflegenden.

 

Ausgangslage
 
Aufgrund der demographischen Entwicklung in unserer Gesellschaft wird in den nächsten Jahren die Anzahl an dementiell und somatisch erkrankter Menschen erheblich steigen............


Schätzungen zufolge leiden in Deutschland derzeit über 1.000.000 Menschen an mittelschwerer oder schwerer Demenz, etwa zwei Drittel von ihnen an Morbus Alzheimer. Bis zum Jahr 2020 wird ihre Zahl vermutlich auf ca. 1,4 Millionen steigen (5. Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland, Juli 2006)

Im Zusammenhang mit veränderten Familien- und Haushaltsstrukturen wird der Bedarf an Pflege- und Unterstützungspotenzialen sowohl formell-professioneller wie auch informell-familiärer und nachbarschaftlicher Art in Zukunft deutlich steigen. Die bisherigen Formen der Begleitung und Unterstützung durch nahe Verwandte werden sich – unter anderem bedingt durch abnehmende Kinderzahl und wachsende Mobilität - verändern müssen. In der Folge werden komplexere und auch instabilere Pflegearrangements entstehen, die sich auf eine Mischung verschiedenster Dienstleistungen und Helferpersonen stützen müssen.

Lebensqualität für Hochbetagte und gelingende Unterstützung durch Angehörige hängen deshalb ab von verfügbaren sozialen Netzwerken, lebenslangem Lernen und kompetenter Daseinsfürsorge. Kenntnisse und Fähigkeiten im Zusammenleben mit Hochbetagten sowie demenzkranken Menschen erwerben zu können, sich auf neue Umstände umzustellen und bei der Suche nach Lösungen begleitet zu werden und nicht allein zu sein, sind unverzichtbare Ressourcen für tragfähige Lösungen.

Auch aus gesundheitspolitischen Aspekten ergibt sich eine hohe Dringlichkeit neuer Ansätze von Begleitung und Betreuung. Die vorrangig privaten Pflegearrangements stellen ein nachweisliches Gesundheitsrisiko dar (Schneekloth und Wahl 2006). Die familiären Netzwerke tragen mit 69 % nach wie vor die Hauptlast der Betreuung. Was Familien und soziale Netzwerke leisten, ist heute unverzichtbar, möchten doch die meisten Älteren in der eigenen Häuslichkeit bleiben können, auch bei Hilfsbedürftigkeit.

Die Unterstützung durch ambulante Dienste ist in den letzten Jahren entscheidend erweitert worden.

Dies stellt die Angehörigen, das Gesundheitssystem und die Politik vor neue, große Herausforderungen.

Ein großer Anteil an Demenz erkrankter Menschen wird nach wie vor in häuslicher Pflege von Angehörigen betreut. Trotz umfangreicher Angebots- und Unterstützungsstrukturen greifen pflegende Angehörige nur begrenzt darauf zurück. Sie betreuen und pflegen über eine sehr lange Zeit und laufen dabei Gefahr, sich zu verausgaben, zu vereinsamen und selbst krank zu werden.

Untersuchungen belegen, dass pflegende Angehörige vielfach nicht in der Lage sind, Unterstützungsangebote wahrzunehmen, weil sie

- nicht wissen, dass es solche in ihrer Nähe gibt;

- grundsätzliche Vorbehalte haben, Hilfe von außen, speziell von Professionellen und Institutionen anzunehmen;

- negative Erfahrungen gemacht haben, insofern ihr Einsatz als Pflegende nicht gewürdigt wurde;

- nicht den richtigen Ansprechpartner gefunden haben;

- keine Zeit und Kraft haben, Hilfe zu organisieren.

Diese Fakten bedingen neue Ansätze zur Betreuung und Begleitung für die Erkrankten, die pflegenden Angehörigen, Pflegefachpersonal und das Gesundheitssystem.

Dies gilt hauptsächlich für die Betreuung von demenziell erkrankten Personen, die mit besonderen Belastungen verbunden ist. Die Hilfe beansprucht sehr viel Zeit, Zuwendung und Kraft. Die Diagnose „Demenz“ ist deshalb auch mit weitem Abstand der häufigste Grund für den Eintritt in ein Heim.

Pflegende Angehörige verfügen oft nicht über ausreichende Kenntnisse zu den jeweiligen Krankheitsbildern und –verläufen, sowie Diagnose- und Therapiemöglichkeiten. Ebenso fehlen Kenntnisse über angemessene Formen der Kommunikation, der Ernährung und Bewegung, der Wohnumfeldgestaltung als auch der sozialen Integration der Erkrankten. Die oft bei Betroffenen und Angehörigen anzutreffende Tabuisierung demenzieller Erkrankungen trägt ebenfalls dazu bei, dass Betroffenen und deren Familien nicht die Unterstützung erhalten bzw. in Anspruch nehmen, die sie benötigen.

Besonders ältere Pflegende neigen zu einem Mangel an Selbstsorge. (Schneekloth 2006).

Menschen, die Angehörige zu Hause betreuen und pflegen, haben darüber hinaus andere familiäre Aufgaben oder berufliche Verpflichtungen. Wenn dann für die Pflege zusätzliche Fähigkeiten und Kenntnisse erworben werden müssen, fühlen sich viele Angehörige überfordert. Seit Jahren werden deshalb geeignete Pflegearrangements gefordert, an denen sich Familien, professionelle Dienste und engagierte Freiwillige gemeinsam beteiligen. Im Hinblick auf die Stabilisierung familiärer Pflege regen Sozialplaner dringend an, den zielgerichteten Ausbau von niedrigschwelligen Beratungs-, Qualifizierungs- und Unterstützungsangeboten für pflegende Angehörige und die verschiedenen Formen ehrenamtlichen Engagements noch stärker als bisher zu fördern. (Schneekloth et al. 2006) Zielführend - und derzeit von der Politik benannt - erscheint ein „Pflegedreieck“ (von der Leyen, FAZ 3.2.2007, S.7), in dem sich Familien, berufsmäßig tätig Pflegende und Freiwillige um ein Gelingen häuslicher Pflege bemühen.

Dazu gehören neue Wege der Unterstützung, Begleitung und Qualifizierung für Menschen, die vor und in Pflegeverantwortung stehen. Angebotsstrukturen sind erforderlich, die Familien informieren, sie stärken, unterstützen und entlasten und in denen professionelle Pflege und familiäre Pflege voneinander lernen können.

Wir halten es deshalb für eine außerordentlich wichtige gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Bereitschaft und die Fähigkeit von Familien und sozialen Netzwerken für eine qualifizierte, ganzheitliche und menschliche Pflege durch geeignete niedrigschwellige pflegeflankierende Angebote und sozialräumliches Netzwerken zu stärken. Dazu zählen alle Entlastungs- und Unterstützungsangebote, die es pflegenden Familien erleichtern, ihre Betreuungs- und Lebensarrangements so zu gestalten,

- dass sie die Aufgaben sicher und unter Vermeidung von zu großer Überforderung leisten können,

- dass sie für sich soziale und persönliche Lebensqualität erhalten können und zu Selbstsorge ermutigt werden,

- dass sie in ihrer Individualität wahrgenommen werden und eingebunden bleiben können in ihrer Gemeinde;

- dass sie auf solidarische Partner treffen, die sie verstehen und ihnen zur Seite stehen.

Lebensqualität bei Pflege im hohen Alter mit den heute erkennbaren gesundheitlichen und sozialen Risiken kann nur erhalten werden, wenn Menschen in eigener Sache planen, entscheiden und kompetent handeln lernen und zur Vorsorge befähigt werden. Dafür gilt es, Gelegenheiten und Orte zu schaffen.

 

 
Konzept
 
Das innovative Konzept des Demenzklinikhotels vereint Personengruppen und Institutionen, die zu einer Optimierung der Pflege und Betreuung von Demenzkranken einen nachhaltig wirkungsvollen Beitrag leisten können..............


Das Hotel soll insbesondere drei Personengruppen umfassen:

- deren pflegende Angehörige/Pflegende, denen eine optimierte Betreuung und Unterstützungsmöglichkeiten vermittelt werden

- Demenzkranke, für die eine individuelle, optimale Betreuung konzipiert wird

- Pflegefachpersonal und Laien, die an der Selbsthilfeakademie und der Snoezelen-Akademie (ISNA) fortgebildet werden können und einen praxisnahen Bezug vorfinden.


Demenzklinikhotel



In der bisherigen Betreuung von Demenzkranken liegen die Schwachstellen vor allem darin, dass:

- die erkrankten Menschen zu sehr aus ihrem Familienkreis herausgenommen werden;

- die Behandlung zu einseitig auf die Medikation und Pflege abgestellt, hingegen der psycho-soziale Bereich eher vernachlässigt wird;

- zwischen den erkrankten Menschen und der Bevölkerung eine unnötig große Distanz entsteht, die zu diffusen Ängsten vor dem Älterwerden führen kann.

Die Vorteile des Konzepts des Demenzklinikhotels bestehen darin, dass

- neben den üblichen Einrichtungen und Dienstleistungen eines Hotels speziell ausgestattete Räumlichkeiten und Leistungen angeboten werden können, die sowohl dem Wohlbefinden wie auch der Therapie dienen;

- pflegende Angehörige für die Dauer des Aufenthalts eine „positive Auszeit“ erfahren und Kraft für den Alltag zu Hause schöpfen können;

- die mit der Akademie verbundenen Wissenschaftler und Praktiker ihre Erfahrungen und Erkenntnisse (Kongresse / Fachartikel / Newsletter) bekannt machen können;

- ein für die Weiterentwicklung der Behandlung von demenzkranken Menschen konkretes integriertes praxisnahes Forschungsgebiet entstehen kann.


Das Konzept des Demenzklinikhotels verbindet die Möglichkeit einer besonderen, individuell optimierten Betreuung demenzkranker Menschen durch Angehörige/Pflegende und der Begleitung durch Pflegefachpersonal mit den Annehmlichkeiten eines Aufenthalts in einem Hotel mit speziellen Angeboten des Wohlfühlens.

Zugleich wird für den Pflegefall im häuslichen Umfeld eine Beratung bezüglich Unter-stützungsleistungen angeboten und für das Pflegefachpersonal ergeben sich Weiterbildungs-möglichkeiten in Theorie und Praxis (Pflegeerleichterung, Beratung und Qualifizierung, Pflegebegleitung und Selbstsorge sowie Selbsthilfe). Diese Leistungen können sowohl vom Pflegenden als auch vom Patienten in Anspruch genommen werden.

 
Leistungsangebot
 
Im Rahmen eines umfangreichen medizinisch-therapeutischen Angebots kann eine Vielzahl unterschiedlicher Leistungen in Anspruch genommen werden. Eine Rundum-Versorgung im DEMENZ-HOTEL umfasst die folgenden Bereiche:................


- Seelsorge

- Psychologische Betreuung

- Physiotherapie

- Ergotherapie

- Psychobiographisches Betreuungskonzept (Prof. Böhm)

- Validation

- Musiktherapie

- Therapiegarten / Klanggarten

- Tiergarten

- Therapiewerkstatt

- Funktions- und Begegnungsräume

Die angeschlossene Fachakademie soll darüber hinaus ein interdisziplinäres Fort- und Weiterbildungsprogramm anbieten, welches nach den Wünschen der Gäste ausgebaut werden kann:

- Snoezelen

- Entspannungstechniken und –methoden

- Bewegung

- kreativer Bereich

- Gedächtnistraining

- kulturelle Veranstaltungen

- Vorträge von Fachkräften und Laien aus den verschiedensten Disziplinen

 
Resümee:
 
Das Demenzklinikhotel übernimmt 3 Funktionen: ..................


1)
als Stützpunkt und Anlaufstelle für pflegende Angehörige im häuslichen Bereich zu Hause bietet es besondere und neuartige Qualifizierungsformen, Casemanagement, Begleitung und Beratung an;


2) als Ort zur Förderung von bürgerschaftlichem Engagement im Umfeld von Betreuung und Pflege entwickelt es Aktivitäten, die zur Lebensqualität von Pflegenden und Pflegebedürftigen beitragen, wie beispielsweise etwa neue Formen der Teilhabe, der Anerkennung, Begleitung und Selbstsorge von Pflegenden und Pflegebedürftigen;


3) als Lernort kann es interessante und wirkungsvolle Lernfelder für alle Altersgruppen in direkter Begegnung mit dem hohen Alter eröffnen. Eine solche Bildungs-, Beratungs- und Unterstützungsinfrastruktur, wie sie das Demenzklinikhotel bietet, wird durch die vorhandenen Ressourcen der Einrichtung wirkungsvoll ergänzt und bereichert. Umgekehrt bietet eine derartige Infrastruktur mit Arbeitsformen, wie Vernetzung und Projektentwicklung, die Chance, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit innovative Entlastungs- und Begleitungsansätze für häusliche Pflege überhaupt angenommen werden. Es leistet damit einen praktischen Beitrag zum geforderten Kulturwandel in der Pflege, der Verankerung unterstützender Pflegearrangements und verbesserter Selbst- und Gesundheitssorge von Pflegenden - in Zusammenarbeit mit professionellen Anbietern.